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Kreuzweg in Altamira. Männer tragen in einer langen Prozession ein schweres Kreuz durch die Stadt.##br## - Foto: Prelazia do Xingu

Menschengerecht

Die Kreuze sind nicht verschwunden

7. Teil: Ostern ist Auftrag

Die Karfreitagsliturgie beginnt in Altamira frühmorgens mit einem vierstündigen Kreuzweg.

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Dom Erwin Kräutler

 

Männer tragen auf ihren Schultern ein zentnerschweres Kreuz durch die Stadt. Die Prozession zieht von der Kathedrale in die Außenbezirke, zwängt sich durch enge Gassen an Häusern und Hütten vorbei, hinauf auf den Hügel, hinab in die Senken. Tausende Menschen beten und singen miteinander. Bei jeder Station hält das Volk schweigend inne und hört auf die Worte des Evangeliums.

 

Zwölfte Station: „Jesus stirbt am Kreuz.“ Die Leute neigen das Haupt, schlagen sich an die Brust und gedenken des Todes Jesu, des Sohnes Gottes. „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mt 27,54). Johann Sebastian Bach hat diese Worte des römischen Hauptmanns und derer, „die bei ihm waren“, in seiner unsterblichen Matthäuspassion ergreifend vertont. Ein zaghaft beginnendes, immer mehr anschwellendes Crescendo mündet in das Fortissimo des überzeugten Bekenntnisses „Gottes Sohn!“ und zerfließt dann in einem geheimnisvollen „gewesen“, fast unhörbar, voll banger Traurigkeit, gleichsam als ob sich der Hauptmann und die mit ihm waren insgeheim doch die Frage stellten: Ist das wirklich das Ende? Ist nun alle Hoffnung zerronnen, in Not und Pein am Kreuz verblutet? Gehört dem Tod tatsächlich das letzte Wort? Ist die Mater Dolorosa mit dem regungslosen Leichnam im Schoß das letzte Bild der Hinrichtung dieses Jesus, der nur „Gutes tat und alle heilte … denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38)?

 

Vierzehnte Station: „Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt.“ Josef von Arimathäa „wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging davon“ (Mt 27,60). In der „Heiligen Stadt“ (vgl. Mt 27,53) versammeln sich die Familien zum Pessachfest. Die ­Frauen entzünden feierlich die Kerzen. „Der Sabbat begann zu leuchten“ (Lk 23,54), lesen wir bei Lukas. „Warum ist diese Nacht so ganz anders als alle anderen Nächte?“, fragt das jüngste Kind der Familie. Der Vater antwortet: „Mit starker Hand hat uns der Herr aus dem Sklavenhaus herausgeführt“ (vgl. Ex 13,14; Dtn 6,20). Dankbar feiert jede Familie die Befreiung des Volkes Israel aus Unterdrückung und Not. „Hilf uns, Herr, unser Gott, führe uns aus den Völkern zusammen! Wir wollen deinen heiligen Namen preisen, uns rühmen, weil wir dich loben dürfen. Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, vom Anfang bis ans Ende der Zeiten. Alles Volk soll sprechen: Amen. Halleluja“ (Ps 106,47–48). Jerusalem jubelt und verzehrt das Osterlamm.

Wo aber sind die Jünger Jesu geblieben? Die Evangelien geben keine Auskunft. Nur „Mariam aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber“ (Mt 27,61). Die Frauen ahnten es im tiefsten Innersten: Der Tod am Kreuz ist nicht das Ende. Jesus ist nicht Gottes Sohn gewesen, er ist Gottes Sohn über den grausamen Tod hinaus. „Warum ist diese Nacht so ganz anders als alle anderen Nächte?“, fragen auch sie sich. Die Nacht des Todes zerrinnt. Der Morgen bricht an: Das Grab ist leer! Der Erdkreis jubelt: „Χριστός ἀνέστη! Ἀληθῶς ἀνέστη“ – „Christ ist erstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!“

Jesus hielt sein Versprechen, „am dritten Tage werde er auferstehen“ (Mt 16,21). Es ist Ostern! Das Leben besiegt den Tod. Liebe und Frieden vernichten Hass und Krieg, zersprengen Rache und Feindschaft. Gerechtigkeit triumphiert über Unrecht, Gewalt und Grausamkeit. Geschwisterlichkeit, Güte und Hilfsbereitschaft verbannen alle Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung.

 

Ist das alles wahr? Ist die Nacht tatsächlich vorüber? Ist wirklich der Tag angebrochen, der den Sieg des Lebens bringt, die Befreiung aus Todesbanden? Oder ist Ostern weiter nichts als eine unrealistische Wunsch-Utopie, ein Traum, den wir träumen?

Stehen nicht immer noch die Kreuze an allen Wegen, an den Ufern aller Wasser?

Sind die indigenen Völker nicht bis heute ans Kreuz geschlagen, Opfer von Mord und Gewalt, von Vertreibung und Betrug, des Landes ihrer Ahnen beraubt? Hängen die Opfer des Menschenhandels nicht weiterhin an unzähligen Kreuzen, die Mädchen und Burschen, die von nationalen und internationalen Pros­titutionsringen angelockt und betrogen werden?

Verurteilen so genannte Entwicklungsprojekte nicht gerade in diesen Tagen unzählige Kinder, Jugendliche, Eltern und betagte Leute zum Tod am Kreuz, wenn sie tausende Familien von Haus und Hof und Feld vertrei-
ben?

Können wir Auferstehung feiern, wenn Tag und Nacht die verzweifelten Klagen von Familien an unser Ohr dringen, die an der Bahre eines ermordeten Bruders oder einer ermordeten Schwester, des Vaters, des Gatten, eines Sohnes jämmerlich schluchzen?

Erleben wir Auferstehung, wenn wir mit ansehen müssen, wie skrupellose Unternehmen Amazonien schänden und den Planeten Erde immer mehr zerstören?

 

Der Weg. Die Kreuze sind nicht verschwunden! Wir feiern Ostern nicht als fröhlichen Einzug ins Gelobte Land (Ex 3,8), als glück­selige Ankunft „im Reich der Wahrheit und des Lebens, der Heiligkeit und der Gnade, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens“ (Präfation von Christkönig).

Ostern ist weder Einzug noch Ankunft, sondern vielmehr Auszug und Durchgang! Auszug aus dem Sklavenhaus, Durchgang zur Freiheit: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Auszug und Durchgang hat mit „Weg“ zu tun. Jesus hat nicht gesagt: „Ich bin das Ziel“, sondern: „Ich bin der Weg“ (Joh 14,6). Ostern ist Auftrag, sich für diesen Weg zu entscheiden. Jesus selbst ist Ostern. „Als unser Osterlamm ist Christus geopfert worden“ (1 Kor 5,7).

 

Mariams Botschaft.*) Wer Ostern feiert, glaubt an die Botschaft der Mariam aus Magdala: „Ich habe den Herrn gesehen!“ (Joh 20,18). Diese österliche Gewissheit – Jesus lebt und geht uns voran – ist der Grund unserer Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit der Kreuze, die unsere Wege säumen. Ostern verleiht uns die Kraft, in scheinbar aussichtslosen Situationen nicht zu kapitulieren und selbst angesichts vermeintlich unüberwindlicher Barrieren, bitterer Enttäuschungen und bohrender Zweifel den Mut nicht zu verlieren. Durch ihn, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, mit ihm und in ihm, setzen wir uns für eine gerechte, geschwisterliche, liebend-solidarische Welt ein, für eine Welt des „guten Lebens“, wie die Indios sagen.

*) Im griechischen Urtext verwendet Matthäus für Maria aus Magdala die aramäische Namensform „Mariam“ und spricht in Mt 27,61 wörtlich von „Mariam, der Magdalenerin, und der anderen Maria“. Im Garten erkennt die Magdalenerin Jesus, als er sie bei ihrem aramäischen Namen ruft: Mariam.