Zu den Schauplätzen von Matthias Manders Roman „Die Holschuld oder Garanaser Filamente“ gehört auch die Wolfgangikirche ob Hollenegg.##br##Foto: alpenverein.at

Zweifel des Hirten

„Die Holschuld“, ein Roman der Glaubenskrise.

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Aus der Fülle ungewöhnlicher Figuren, die diesen Roman bevölkern, ragen zwei Priestergestalten hervor: der alte Landpfarrer Hadolt, ein passionierter Beobachter des Sternenhimmels, der seine Predigten mit astronomischen Vergleichen schmückt, und Theodor Plach, ein junger Wiener Kaplan, der nicht den Himmel, sondern das Leben der Menschen in seinem Viertel betrachtet und dabei zu der fatalen Überzeugung gelangt, von niemandem gebraucht zu werden.

Leidende sind sie alle beide: Hadolt ist ein armer Lazarus; sein Leib ist von Geschwüren bedeckt. Mit Mühe hält er sich aufrecht, verarztet eigenhändig seine Wunden und versieht weiterhin seinen Dienst in dem kleinen Bergdorf St. Anna.

Plach indessen leidet an der Gleichgültigkeit seiner Umwelt, die ihn zu einem Rufer in der Wüste macht.

„Heilige Aussagen“, stellt er nüchtern fest, „sind zur Fremdsprache geworden.“ Die persönliche Konsequenz, die er daraus zieht, ist denkbar radikal: „Bekanntlich gibt der gute Hirt das Leben für die Seinen. Für mich heißt das, ich opfere die Sprache, die mir alle Wahrheit erschließt, der Sprachlosigkeit, die mich mit den Stummen verbindet.“

Also verstummt er, taucht ab, findet Zuflucht weit abseits von Wien, bei einem Freund seines verstorbenen Vaters, dem pensionierten Buchhalter und Schriftsteller Hans Zisser, einem leiderfahrenen Mann, der nach einem langen Arbeitsleben nunmehr zurückgezogen in der Landschaft seiner Kindheit, auf der steirischen Koralpe lebt. „Im Gehetz der Jahre, Pflichten zu erfüllen, Prüfungen zu bestehen, war sein Leben in der Fremde vergangen“ – zur Ruhe kommen aber kann Zisser nach wie vor nicht, zu sehr hat er sich daran gewöhnt, für andere da zu sein.

Mit dieser Figur hat sich der Autor des Romans, Matthias Mander, ein wahres Alter Ego geschaffen, wie schon Jahrzehnte zuvor mit dem Protagonisten seines großen Industrieromans „Der Kasuar“, und in der Gestalt des jungen Priesters, der zu Zisser auf die Koralpe flieht, ist es ihm gelungen, der Glaubenskrise unserer Tage Gesicht und Stimme zu geben.

Christentum nur punktuell

Sein eigener Standpunkt tritt dabei deutlich zu Tage: Er trauert nicht um das „verlorene christliche Abendland“, sehnt sich auch nicht wie Martin Mosebach nach einer katholischen Restauration; Manders Standpunkt ist ein anderer: Er sieht das Christentum als etwas noch weithin Unverwirklichtes an; „es durfte sich noch nie unbehindert entfalten“, meinte er bereits in einem Interview von 1994. „Alles, was wir kennen, ist ein Amalgam heiligster Elemente mit weltlich gewalttätigen, stolzen, macht- und raffgierigen unreinen Kräften. Christentum hat sich stets nur punktuell und befristet seinen Werten annähern können in Klöstern, kurzen Friedenszeiten, im Umkreis von Heiligen.“




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