Titelbild des Bandes „Noch ist es Zeit", 2007, von Doris Pacher.

Glaube und Schreiben

„Was ist fromm?“

zum Thema

 

Glaube und Schreiben
Christliche Stimmen im Portrait

Teil 2: Catarina Carsten

Von Kinderfragen und Himmelsboten.

„Wenn die Erinnerung atmet“ ist der Titel einer vor etwa zehn Jahren erschienenen Anthologie, die Gedichte österreichischer Autorinnen und Autoren zum Thema Kindheit versammelt. Darin begegnete ich zum ersten Mal dem Namen der im Salzburgerland ansässigen Dichterin Catarina Carsten, dort las ich von ihr das Gedicht „Kinderfrage“:

„Was ist fromm?“
fragte ich meinen Großvater.
„Das“, sagte er
und schrieb mir mit seiner schweren Hand
ein Kreuz auf die Stirn.
Er spürte meine Enttäuschung,
nahm ein Stück Brot vom Tisch,
brach’s in zwei Teile, gab mir eins,
nickte, sagte:
„und das“.
Wir aßen schweigend.

 

Die einprägsame Klarheit und Schlichtheit der Sprache, die an diesen Versen beeindruckt, zeichnet Carstens Arbeit insgesamt aus, ihre Reportagen und Prosaminiaturen, ihre autobiografischen Erzählungen und ihre Lyrik.

Als Angehörige einer Generation, deren Jugend in die Zeit des Dritten Reiches fiel – sie wurde 1920 in Berlin geboren –, war sie bereits als Schülerin mit einer mörderischen Sprachregelung konfrontiert, einer Obrigkeitssprache ausgesetzt, die sich altehrwürdiger Begriffe bemächtigte, Begriffe wie „Vaterland“ oder „Mutterliebe“, um aus ihnen unmenschliche Kampfbegriffe zu machen. Nach 1945 stand sie dann wie alle ihre Landsleute vor einem Trümmerhaufen, wie alle ihre schreibenden Altersgenossen vor der Aufgabe eines sprachlichen Wiederaufbaus Wort für Wort. Sprach-skepsis war angesagt; Catarina Carsten teilte sie und widersprach ihr zugleich. Denn mit Misstrauen allein ist, wie sie einmal betonte, noch nichts getan: „Man muss mit Vor-Sicht an die Worte herangehen. Wie man Eis im März betritt. Am Rand trägt es.“

Auf tragfähigen Grund begibt sie sich, wenn sie in die Texte der Heiligen Schrift eintaucht, um den vertrauten biblischen Bildern neue Aspekte abzugewinnen. Wie überzeugend ihr das gelingt, beweist der Band „Noch ist es Zeit“, der mehrere Zyklen spiritueller Lyrik in sich vereint. Seinen Auftakt bildet ein mit der Frage „Wer seid ihr?“ überschriebener Gedichtkreis. Hier ruft die Autorin, verzweifelt und voll Vertrauen, ihre lichten und dunklen Engel an, entwirft von den Himmelsboten ein poetisches Bild, hauchzart und weit entfernt von allem Devotionalienkitsch: „Ein Flügelschlag von fern – / noch ist die Botschaft / unter den Sternen; / sie naht im Sturm, / beschenkt den Träumer / mit einer Ahnung des Ersehnten.“

Von „Gedichten, die einen weiten Horizont aufmachen“, sprach treffend der Germanist Karl Müller in seiner Rezension dieses Buches. Schöneres lässt sich über gegenwärtige Lyrik, die allgemein als unzugängliches Gelände betrachtet wird, wohl nicht sagen.

 




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