Anna Schreiber

Nichtwissen 
in Liebe aushalten

Ihre Tochter verweigere den Kontakt zu ihnen, den Eltern, bedauert ein 70 Jahre altes Ehepaar. Jetzt seien sie bei der Enkelin zur Hochzeit eingeladen und werden die Tochter, also die Brautmutter, treffen. Wie sollen sie sich verhalten?

Sie wissen nicht, was los ist. Das tut weh. Sie fühlen sich ungerecht behandelt. „Du sollst deine Eltern ehren“, kommt Ihnen in den Sinn. Doch was bedeutet „ehren“ konkret?

Erwachsene schauen oft auf Bereiche ihrer Kindheit zurück. Dabei erfahren sie manchmal, woher sie Gefühle kennen, zum Beispiel nicht verstanden zu werden, nicht dazuzugehören oder innerlich einsam zu sein. Häufig hängen diese Erinnerungen mit den Eltern zusammen.

Es ist hilfreich, diese Gefühle zuerst in den richtigen biografischen Zusammenhang zu stellen, um sie danach in der Gegenwart loslassen zu können. Diese Prozesse brauchen Zeit und Ruhe, ihre Wachstumszeit. Erst danach kann der Erwachsene erkennen, dass sie oder er heute nicht mehr einsam ist, heute verstanden wird, heute dazugehört. Während dieser Zeit gehen Menschen manchmal auf Abstand zu ihren Eltern.

Wenn Sie sich vorstellen, dass sich Ihre Tochter in einer Zeit des Reifens befindet, die ihr guttut, was geschieht dann innerlich mit Ihnen? Ich vermute, dass zu dem Schmerz der Kontaktunterbrechung ein weicheres Gefühl des Verstehens hinzukommt, des Lassens. In dieser Zeit bleiben Sie als Eltern offen, offen im Herzen. Und so offen und freundlich begegnen Sie Ihrer Tochter auf dem Hochzeitsfest – einer Feier der Liebe, Liebe, die manchmal weh tut.

Diplompsychologin Anna Schreiber ist Psycho-therapeutin in Karlsruhe. Foto: privat




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