Karoline Gartner-Moser

Der stöhnende Riese aus der Tiefe

Auf dem Weg in die Arbeit – im Vorbeiradeln – höre ich ein Geräusch, das wie ein gewaltiges Stöhnen klingt. Links von mir erhebt sich ein Schlot aus der Wäscherei am LSF-Gelände und stößt in unregelmäßigen Abständen einen zischenden Laut aus. Eine grauweiße Dampfwolke entweicht brodelnd gen Himmel und löst sich in dessen Blau auf.

So habe ich ihn entdeckt, den Riesen in der LSF, rein zufällig. Ich höre sein Stöhnen gern, denn es hört sich nach Erleichterung an. Das könnte eine Lösung sein für all das Schwere, Traurige und schicksalhaft Verstrickte, von dem Patienten hier immer wieder erzählen: Sie lassen ihren Kummer und ihre Tränen durch feine Körperkanäle nach unten fließen, unter die Erde, auf der die LSF steht, denn hier wartet ein ungemein geduldiger, milder und gütiger Riese und fängt alles auf, was oben kaum zu ertragen ist.

Was den Menschen zu schwer ist, was „das Häferl überfließen“ lässt, rieselt nach unten in die Arme des weichen Riesen. Es gibt kein Urteilen und kein Be-werten, nur Annehmen. Er ist verlässlich da und fängt alles auf.

Wenn der Riese dann genug hat, vollgesogen mit Klagen, richtet er sich auf, konzentriert und wachsam, und bläst das Angesammelte kraftvoll nach oben, wo es sich in der Weite des Himmels auflöst. Dass er dabei mächtig stöhnt, ist absolut angemessen.

Mittlerweile grüße ich ihn freundlich, wenn ich vorbei­radle, und danke ihm für diesen großen Dienst: eine Wandlung der besonderen Art.

Mag. Karoline Gartner-Moser war Seelsorgerin 
an der Landesnervenklinik Sigmund Freud (LSF, jetzt LKH Graz II, Standort Süd). Foto: Graf




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