Katholisch ist Kraut und Rüben

In den Ruhestand tritt Pastoralamtsleiter Karl Veitschegger in diesen Tagen. Im Sonntagsblatt-Gespräch erzählt er, warum er gern katholisch ist und was ihn an Papst Franziskus fasziniert.

© Fotos: Neuhold

„Die Fülle gefällt mir!“ Der scheidende Pastoralamtsleiter tritt dafür ein, von der Breite des Katholischen nicht abzurücken. - Fotos: Neuhold


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  • Sie waren der erste Laie als Pastoralamtsleiter in unserer Diözese. Hat es da Gewöhnungsprobleme gegeben?

Nein, nachdem ich schon davor lange im 
Pastoralamt tätig war, hat es da keine Pro-bleme gegeben. Als ich ernannt worden bin, haben mir sehr viele geschrieben und gratuliert. Da habe ich gemerkt, dass die Akzeptanz sehr groß ist – was mich überrascht hat.
 

  • Sind die Laien in der Kirche unterrepräsentiert?

Man darf die Laien nicht nur als Notnagel sehen, sondern muss ihnen auch Mitverantwortung und die Möglichkeit zum Mitentscheiden geben. Das wird immer wichtiger werden – aber ohne ein Gegeneinander. Der Priester soll seine Berufung leben können, aber auch anerkennen, dass es Laien gibt, die auch in pastoralen Dingen gescheite Ideen haben, nicht nur in Wirtschaftsfragen. Da muss man hinhören und die Eigenverantwortung geben, etwas zu gestalten.

  • Wie kann man dabei von dem Denken wegkommen, dass es nur durch den 
Priestermangel motiviert ist, wenn die Laien mehr zum Zug kommen?

Davon wird man nicht wegkommen. Es ist eben so: Wo Not ist, entstehen neue Ideen. Das ist als Erstmotivation auch okay. Wenn junge Menschen von zu Hause ausziehen und Hunger bekommen, dann überlegen sie: Bisher hat immer die Mama gekocht. Die ist nicht mehr da, wie tun wir jetzt? Und auf einmal lernen sie selbst kochen, und es schmeckt mit der Zeit wunderbar.

Die Ausgangssituation ist ein Mangel, das soll man nicht beschönigen, aber es kann trotzdem etwas eigenständig Neues daraus entstehen.

  • Dem Pastoralamt wird oft vorgeworfen, viel Papier zu produzieren. Wie haben Sie das erlebt?

Wir schicken schon lange nichts mehr an alle Pfarren aus, sondern nur, wenn etwas bestellt wird. Wir machen Angebote, und die werden sehr gerne angenommen. Die Nachfrage ist so groß, dass wir oft nachdrucken müssen.

 

  • Wie funktioniert der Kontakt zu den 
Pfarren?

Wir werden häufig als Beratungsdienst in Anspruch genommen, schließlich haben wir Experten zu vielen Fragen. Auch unsere Fortbildungen werden gut angenommen, und wir halten unsere Sitzungen teilweise in Pfarren ab, wo wir uns dann auch mit Verantwortungsträgern der Pfarre treffen. Als wir den Behelf „Lebendige Pfarre“ erstellt haben, haben wir alle Seelsorger und Seelsorgerinnen eingeladen mitzumachen, was viele getan haben. In den letzten Jahren haben wir nichts mehr „am grünen Tisch“ produziert. Ich weiß nicht, ob wir sehr innovativ waren, aber wir sehen uns auch eher dafür verantwortlich, dass der pastorale Alltag gelingt.
 

  • Ein „Produkt“ des Pastoralamts war ein „Navi“ für die Seelsorge. Welche Route soll die Pastoral einschlagen?

Für mich zählt als erstes: Seelsorge ist Begegnung. Diese Begegnung soll qualitätsvoll geschehen. Wenn ein Mensch etwas mit Kirche zu tun haben will, soll er auf einen reifen pastoralen Menschen treffen können, der andere Menschen ernst nimmt und sie gern hat, aber auch theologisch weiß, wozu die Kirche gesendet ist. Es soll das Herz des Evangeliums auf das Herz des Menschen treffen können. Das wäre mein Idealbild von Seelsorge.

Dafür kann es dann verschiedene Formen geben. Sehr traditionelle, klassische, die wir nicht abwerten sollen. Denn auf diesem Weg erreichen wir sehr, sehr viele Menschen. Wir haben 800.000 Begegnungen im Jahr bei den Kasualien: Sakramente, Begräbnisse, Segnungen. Die Frage ist: Wie sind sie gestaltet? Es muss nicht weiß Gott wie toll sein, aber so, dass Menschen spüren können: Da schlägt das Herz des Evangeliums. Jetzt verstehe ich, worum es geht. Und darüber hinaus kann es tolle neue, unkonventionelle Wege geben, auf denen wir ganz anderen Leuten begegnen. Wichtig ist mir das Grundanliegen: die respektvolle Begegnung im Unterschied zur Mentalität der Eroberung, bei der man denkt: Wir werden immer weniger. Wie können wir verlorenes Terrain wieder zurückerobern? Eine Reconquista ist nicht mein Programm, sondern im Wissen, dass wir weniger werden, die Begegnungen qualitätsvoll zu gestalten.
 

  • Sie sind bekannt für Ihre Gabe, Glaubensinhalte gut verständlich und trotzdem nicht banal darzustellen. Warum tut sich die Kirche damit so schwer?

Manche in der Kirche tun sich schwer damit, andere vielleicht auch nicht. Ich habe sehr viel in der Schule als Religionslehrer gelernt. Ich bin auch heiklen Themen nie ausgewichen, sondern habe mir überlegt, wie ich etwas finden kann, damit die Schüler es verstehen: Was meinen wir als Kirche, wenn wir von Dreifaltigkeit oder Unbefleckter Empfängnis reden? Wie kann man das Wichtigste auf den Punkt bringen? Zu Maria Empfängnis etwa, damit das nicht immer mit Maria Verkündigung verwechselt wird, ist mir eingefallen: Als Maria noch ein Pünktchen war. Auf viele solche Formulierungen bin ich im Kontakt mit Schülern gekommen. Und ich habe lange im Auftrag des Bischofs mit den Ausgetretenen brieflich Kontakt gesucht. Da musste ich natürlich auch viel erklären.

  • Sie gelten als großer Papst-Franziskus-
Versteher und haben oft über seine Enzykliken referiert. Welche Bedeutung hat dieser Papst für die Kirche und die Welt?

Ich war von seiner Wahl überrascht und bin noch immer erfreut, so einen Papst erleben zu dürfen. Seine Worte und Gesten haben mich von Anfang an zutiefst berührt und in meinem Leben etwas verändert. Ich habe schon viele Papstschreiben gelesen, die mir mehr oder weniger gut gefallen haben, aber Franziskus hat mich ins Herz getroffen. Und ich glaube, das ist vielen so ergangen, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen unserer Kirche.

Auf Weltebene scheint Franziskus momentan die große moralische Autorität zu sein. Welcher Politiker, welcher große Mann, welche große Frau ist da vergleichbar? Franziskus ist einer, wo man sagen kann: Der gibt Orientierung. Wenn ich ihn sehe, ihm zuhöre, habe ich keine Angst um die Menschheit – was ich bei anderen schon habe. Er stärkt mein Vertrauen in Gott und damit in die Menschheit und ihren Weg.
 

  • Ein Büchlein von Ihnen trägt den Titel: Gern katholisch. Was hilft Ihnen dabei, gerne katholisch zu sein?

Katholisch ist schön. Ich bin damit aufgewachsen, das ist meine religiöse Muttersprache – natürlich auch mit allerhand Dialekten, die mir nicht so gut gefallen. Katholisch ist Kraut und Rüben, von Pater Pio bis Karl Rahner, von der alten Kirche, den vier Evangelien bis zu Papst Franziskus oder auch Papst Benedikt. Diese Fülle gefällt mir. Ich bin immer ein bisschen irritiert, wenn jemand glaubt, katholisch sein heißt, genau diese Fülle zu beschneiden und nur einen Weg zu erlauben. „Gern katholisch“ meint für mich auch den Anspruch, diese Breite zu halten. Da gehört auch die Entwicklungsfähigkeit dazu – Tradition ist etwas Lebendiges. Aber „katholisch“ darf nie gegen andere Konfessionen stehen.

Eigentlich sehr einfach und bescheiden. Zu Weihnachten gibt es einen Christbaum, einen Gottesdienst natürlich, es gibt ein gutes Essen, wir gehen mit dem Weihrauch durchs Haus. Auch zu Ostern gibt es alles bis hin zur Osterjause – allerdings erst nach der Osternachtfeier, weil das bei uns daheim so war. Das ist ein kleiner Unterschied zum steirischen Mainstream. Wir leben die Sinnlichkeit. Und ich bin froh, dass es Feiertage und Feste gibt – aber auch wieder nicht gegen jemanden. Es sollen ruhig auch andere Religionen Feiertage bekommen.
 

  • Unseren Sonntagsblatt-Lesern werden Sie nun als Autor der „Positionen“ erhalten bleiben. Welche Positionen soll die Kirche besonders vertreten?

Wichtig ist es mir, herauszustreichen, was Glaube heute heißt. Religion ist ja heute nicht mehr nur positiv besetzt. Wir sehen jetzt, dass Religion auch ganz schön gefährlich sein kann. Wie kann aber Religion so sein, dass sie uns humanisiert? Das Evangelium will uns ja nicht unmenschlicher, sondern menschlicher machen. Das wäre mir wichtig in dem ganzen Religionskonzert, immer in Offenheit und dem Willen, einander zu verstehen. Ich glaube nicht, dass wir das Christentum retten, indem wir uns gegen andere positionieren. Wir sollen schon klar sagen, was unsere Grundsätze sind, aber auch offen schauen, was der andere wirklich meint. Da bin ich recht unaufgeregt, auch was das Kreuz betrifft. Das ist kein Eroberungszeichen mehr, es soll ein Segenszeichen sein, ein Zeichen der Offenheit für andere und ein Zeichen für null Gewalt.

Bei Positionen in Familien- und Ehefragen glaube ich, dass wir uns nicht auf falsche Dinge konzentrieren sollen auf Kosten von Minderheiten. Wir sollen keine Ängste oder Phobien züchten in bestimmte Richtungen und Feindbilder aufbauen. Ich möchte da eher aus einem gesunden Selbstbewusstsein heraus schauen, was die Vitalität des Evangeliums ist, und von daher Position beziehen.
 

  • Unsere Diözese hat einen großen Prozess der Neustrukturierung begonnen. Was wünschen Sie ihr für die Zukunft?

Dieser Prozess ist gelungen, wenn möglichst viele Leute sagen: Wir haben wieder Freude am Glauben, wir sind gerne Christen. Er ist gelungen, wenn sie sagen können: In der Seelsorge treffen wir auf reife, gute Menschen. Er ist gelungen, wenn Leute, die es im Leben schwer haben, sagen: Die Kirche ist unsere Freundin.

Interview: Alfred Jokesch

 




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