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Fredrik Jan Hofmann verkörpert mit hoher Intensität den Apostel Judas. Das Theaterstück von Lot Vekemans wird derzeit unter der Regie von Markus Kubesch in einer Kooperation des Grazer Schauspielhauses mit der Evangelischen und und der Katholischen Kirche - Foto: Lupi Spuma

Eine neue Chance für Judas

Das Theaterstück „Judas“ wird in den kommenden Monaten in vielen steirischen Kirchen aufgeführt. Wir sprachen mit dem Schauspieler Fredrik Jan Hofmann.

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Das Stück „Judas“ ist ein einstündiger Monolog. Sie sind beim Spielen ganz auf sich allein gestellt. Wie fühlt sich das 
an?

Das ist tatsächlich eine ganz schöne Herausforderung. Der Monolog, dass ich das bin, dass meine Gedanken, meine Emotionen, die ich an dem Abend spiele, das Publikum leiten. Im Unterschied zum Theaterraum, wo durch Lichtstimmung und Musik viel mehr von außen hinzugefügt wird, ist hier die Inszenierung sehr auf mich fokussiert. Das ist eine große Herausforderung, und es macht auch Spaß, sich dieser zu stellen. Bisher hat es ganz gut funktioniert, dass man meinen Weg mitgehen konnte.

Sind Sie hier als Person stärker gefordert als bei anderen Stücken?

Nein, das würde ich nicht sagen. Grundsätzlich liegt mein persönliches Interesse am Beruf des Schauspielers darin, dass ich mich voll und ganz einbringe. Es gibt allerdings ganz unterschiedliche Weisen, dies zu tun. Bei dem Weg, den wir hier gehen, kann man definitiv nicht mogeln. Würde ich etwas spielen, was ich in dem Moment gedanklich und emotional nicht zu füllen vermag, würde der Zuseher dies sehen – und dass es gespielt ist. Und für ihn soll es ja im Moment tatsächlich passieren.

Sie spielen dieses Stück in über 25 verschiedenen Kirchen. Wie gehen Sie mit diesen unterschiedlichen Räumen um?

Das wird sich zeigen. Es gibt Kirchen, die sehr klein sind, wo das Aufstellen des Bühnenbildes zur Herausforderung wird. Aber wenn ich weiß, worum es geht, ist der Raum zweitrangig. Einmal hat mein Regisseur gesagt: Wir haben mit Licht und Musik geprobt. Jetzt müssten wir das alles weglassen und in 
den Wald gehen. Wenn es dann trotzdem funktioniert, dann stimmt der Abend. Ich habe das Gefühl, dass wir da sehr nah dran 
sind.

Die gleichbleibende Kulisse beschränkt sich auf ein würfelförmiges Gestell. 
Welche Idee steckt dahinter?

Die Ursprungsidee, die sich im Laufe der Proben ein bisschen verändert hat, war die, dass es die persönliche Geschichte des Judas unterstreicht. Er kommt aus einem Bild, und er fügt sich schlussendlich in ein Bild. Aber dazwischen passiert etwas innerhalb dieser Stunde. Und hoffentlich betrachtet man 
die Person, diesen Mythos „Judas“ am Beginn des Abends anders, als wenn man raus-
geht.

Judas tritt also aus diesem „Rahmen“ 
heraus?

Genau, er ist quasi mit Vorurteilen befangen und belastet, diese Figur, sein Name ist ein Symbol des Verrats. Aus diesem Bild tritt Judas heraus – und am Ende geht er anders zurück, als er herausgekommen ist. Er kommt, um seine Geschichte zu erzählen, er hat diese Chance. Während er seine Geschichte erzählt, passiert etwas mit ihm und dadurch natürlich auch mit dem Zuseher. Eine Kirchenvertreterin hat mir nach einer Vorstellung gesagt, sie hätte nie gedacht, dass sie Judas einmal so sympathisch finden würde.

Zu Beginn des Stückes beschwören Sie die Zuschauer: „Versuchen Sie nicht, zu begreifen!“ Auf welche Weise soll man sich der Gestalt des Judas annähern?

Diese Frage stelle ich mir nicht. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Warum sagt Judas das, und was will er damit erreichen? Ich glaube, er sagt diesen Satz in diesem Moment so eindringlich, weil er unbedingt seine Geschichte erzählen möchte und sich nicht konfrontieren möchte mit der bisherigen Sichtweise der Zuhörer.

Während man das Stück sieht, ordnet man Bilder solange im Kopf, bis ein gewünschtes Bild entsteht: Eines, das die Zuhörer sich von Judas gemacht haben, oder auch das gewünschte Bild, das Judas von Jesus hat. Es gibt in dem Stück den schönen Satz: „Wünsch Dir alles und erwarte nichts.“ Um Erwartungen geht es ganz viel. Das hat Lot Vekemans sehr intelligent geschrieben. Ich finde ihr Stück wirklich fulminant, weil sie gewisse Erwartungen gleich benennt, um dann sagen zu können: Nein, darum geht es nicht. Es geht um etwas anderes. Vielleicht gibt es auch bestimmte Erwartungen, die ich nicht erfüllen werde. So erhält die Figur die Möglichkeit, dass der Zuhörer sich einlässt. Und offensichtlich gelingt es uns, die Menschen zu berühren.

Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Erst einmal wie auf jede andere auch. Man liest das Stück, beschäftigt sich mit dem Thema, macht sich Gedanken: Was ist das für eine Figur? In der Probezeit haben wir viel über den Stoff geredet und die Frage gestellt, wieso sagt die Figur das, was sagt die Figur? Was will er damit bezwecken? Warum sagt er das jetzt, an dieser Stelle? Wie kommt er von diesem Gedanken auf den anderen? Natürlich haben wir auch historisches Material gelesen, in welcher Zeit Judas lebte, welche Umwälzungen es gab. Lot Vekemans’ Judas, mein Judas hatte ja ganz stark einen politischen Antrieb.

Was für einen Zugang haben Sie persönlich zu Judas gefunden?

Wenn man eine Figur spielt, muss man sie verteidigen. Man muss innerhalb der Aufführung begründen, warum die Figur Dinge tut, auch wenn man sie persönlich nicht gut finden würde. So ist es auch hier. Ich kann Judas’ Aussagen nachvollziehen und würde ihn auch innerhalb des Systems verteidigen, weil er nachvollziehbar argumentiert und tolle Denkanstöße gibt.

In Vekemans’ Stück gibt es ein paar Sätze, die ich ganz toll finde, die nicht unmittelbar mit der Figur des Judas zu tun haben. Etwa: „Ein Mensch handelt öfter aus Zweifel als aus Glauben.“ Das ist ein Satz, der mich wahnsinnig berührt. Oder: „Wenn man nichts tut, kann man nichts falsch machen und auch nichts richtig.“ Das ist auch eine Aussage, über die ich wahnsinnig nachdenke und die ich ins Private mitnehme.

Judas ist eine Figur, die sehr mythologisch aufgeladen ist, in die schon viel hinein-interpretiert worden ist.

Richtig, aber das schafft die Autorin, dass sie ihre Figur kreiert und ich mich mit dieser Figur auseinandersetzen konnte – weniger mit den Sichtweisen von außen, sondern mit unserer Innensicht auf die Figur. Dadurch entsteht etwas Neues. Und plötzlich gibt es diesen Judas echt, als einen, der denkt und lebt und fühlt. Im besten Fall regt das und regen seine Aussagen zum Nachdenken und Überdenken an.

Ist Judas ein Mensch, der gescheitert ist?

Das ist eine spannende Frage. Ich würde schon sagen, dass mein Judas, dem man in diesem Stück begegnet, mit seiner Idee gescheitert ist, aber dass er jetzt noch einmal die Möglichkeit bekommen hat, sich zu erklären. Er ist zwar gescheitert, aber er hat die Chance, noch darüber reden zu können.

Ist die Situation, dass er seine Geschichte erzählen kann, ein Akt der Erlösung?

Ja. Für diese Theatralfigur ist es ganz zwingend notwendig. Es gelingt ihm, wenn auch anders, als er es wollte, mit sich ins Reine zu kommen.

Was wünschen Sie sich, dass dieses Stück bei den Zusehern auslöst?

Das, was bei den ersten beiden Vorstellungen schon passiert ist, dass die Menschen ins Nachdenken kommen und ihre eigene Sichtweise überdenken. Wenn sie anfangen, über Dinge, die diese Figur sagt, auch unabhängig von Religion nachzudenken, dann war es ein guter Abend. Etwa darüber, was es für einen selber bedeutet, dass der Mensch viel öfter aus Zweifel handelt als aus Glauben. Wenn darüber einzelne Zuschauer nachdenken, finde ich das toll.

Interview: Alfred Jokesch

Judas. Ein besonderes Theaterprojekt in steirischen Kirchen

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Ausschnitt und Interview

sonntagsblatt.tv/ Lisa Feischl

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