© Christian Jungwirth, www.bigshot.at / christian jungwirth

Herbert Meßner, Chefredakteur - Christian Jungwirth, www.bigshot.at / christian jungwirth

Vom Geschweige 
des Geläutes

In zwei Kirchen, an denen ich tätig bin, habe ich binnen wenigen Tagen gegensätzliche Erfahrungen mit den Glocken gemacht. In der einen haben die Glocken geläutet, als sie nicht sollten, nämlich um Mitternacht. In der anderen haben die Glocken nicht geläutet, als sie sollten, nämlich bei einem Begräbnis. Beide Male war da die liebe Technik am Werk.

Trotzdem sind mir dabei die Menschen eingefallen. Ein Text von Kurt Rommel ist mir in den Sinn gekommen: „Ich rede, wenn ich schweigen sollte, und wenn ich etwas sagen sollte, dann bin ich plötzlich stumm. Ich schweige, wenn ich reden sollte, und wenn ich einmal hören sollte, dann kann ich’s plötzlich nicht.“

Passiert es uns nicht auch manchmal, dass wir gerade dann den Mund aufmachen, wenn Schweigen angebrachter wäre? Und dass wir den Mund halten, wenn es darauf ankäme, sich zu Wort zu melden?

Für das Musical „Ave Eva“ hat Peter Jannsens das Lied gedichtet: „Ich will gegen das Geläut der Leute mein Geschweige stimmen.“ Das zum falschen Zeitpunkt einsetzende Geläute war gar nicht leicht zum Abstellen. Das „Geläut der Leute“ ist es oft erst recht nicht. Durch eigene schrille Töne wird es eher verstärkt als abgestellt. Deswegen zahlt es sich manchmal mehr aus, das Geschweige zu stimmen.

Aber gleichzeitig erleben wir auch das Umgekehrte. Schweigen, Verschweigen, statt sich zu Wort zu melden, das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt zu sagen. Manchmal fehlt der Ton, der aus dem Schlaf schrecken und aufwecken könnte.