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Faszinierend. Vom Osmanischen Reich bis heute nimmt Gudrun Harrer pointiert zur Lage im Nahen Osten Stellung.
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Friedlicher Übergang?

Gudrun Harrer sprach auf 
Einladung von Welthaus 
am 31. Jänner über die Lage 
im Nahen Osten.

Der größte Fehler, den viele begehen ist, den Nahen Osten als einheitlichen, unveränderlichen Block zu sehen“, meinte die Nahostexpertin Gudrun Harrer am Beginn ihres Vortrages im vollbesetzten Barocksaal in Graz. Die leitende Redakteurin (Der Standard) wies darauf hin, dass mit dem Arabischen Frühling ab 2011 viele unrealistische Erwartungen verknüpft waren. „Man dachte, dass die freie Marktwirtschaft gesiegt hätte und sich langsam Demokratien entwickeln würden. Das waren romantische Vorstellungen. Es hat nirgendwo funktioniert“, zog Harrer eine bittere Bilanz. Auf der Suche nach den Ursachen warnte sie vor einfachen Erklärungen wie: Der Islam sei schuld. „Das mag teilweise stimmen, aber nicht immer.“ Die neuen Herrscher nach dem arabischen Frühling wären jedenfalls teilweise schlimmer als ihre Vorgänger, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme seien ungelöst. Dass bei den ersten freien Wahlen in Ägypten und Palästina Islamisten gewonnen hätten, sei im Westen ein Schock gewesen. „Angesichts der guten Organisation der islamischen Gruppe war es aber eigentlich keine Überraschung.“

Harrer führte aus, dass die gesamte Region in Nordafrika und auf der arabischen Halbinsel nach wie vor im Umbruch ist. Immer wieder gebe es Entwicklungen, mit denen man nicht gerechnet habe. Vom so genannten Islamischen Staat in Syrien sei nur mehr ein kleines Territorium übrig, und Assad habe gewonnen. Es zeige sich heute, dass verschiedene Rebellengruppen gegeneinander antreten. In Syrien gebe es eigentlich fünf verschiedene Kriege, was bei uns nicht wahrgenommen würde. Selbst Israel sei in Syrien eine kriegsführende Partei, und eine Konfrontation mit dem Iran sei nicht ausgeschlossen.

Religion werde von Konfliktparteien be-nutzt, um zu mobilisieren. Einen Schlüsselmoment sieht die Expertin in der Iranischen Revolution, die sich heuer zum vierzigsten Mal jährt. Ab diesem Zeitpunkt hätten Geistliche in vielen Ländern der Region mehr und mehr Macht und Einfluss erhalten. Der Konflikt zwischen den Schiiten und Sunniten, also Iran und Saudi-Arabien, dominiere die Entwicklung. Gleichzeitig fühlten sich die Monarchien in Saudi-Arabien oder Bahrain bedroht von revolutionären islamischen Kräften wie den Muslimbrüdern. Die Lage sei komplex, zeige aber gut die Rolle der Religion in der Politik.

Abschließend meinte Harrer: „Ich wünsche mir so sehr, dass alle diese Regimewechsel langsam und friedlich erfolgen.“

GISELA REMLER




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