© Gerd Neuhold, Sonntagsblatt

Gerd Neuhold, Sonntagsblatt

Wir sehen Dinge, die uns Freude bereiten

 

Nach 14 Jahren als Generalvikar wird Prälat Mag. Helmut Burkard eine neue Aufgabe in der Diözese 
übernehmen. Im SONNTAGSBLATT-
Interview spricht er über die He­raus­forderungen in seiner Amtszeit.

 
 

 SONNTAGSBLATT: Herr Generalvikar, Sie wurden beim Mitarbeiterfest sehr herzlich verabschiedet. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?

Generalvikar Burkard: Die Begegnung mit den vielen Mitarbeitenden aus den verschiedensten Bereichen der steirischen Kirche war sehr beeindruckend. Ich war sehr berührt über dieses große Fest des Dankens.

 

Waren Sie als Generalvikar mehr „General“ oder mehr „Vikar“?

Beides, hoffe ich. Ich wollte den Bischof bei der Leitung der Diözese gut unterstützen. Dies hatte einerseits eine kirchenrechtliche Seite. Mein normaler Arbeitstag hat beispielsweise oft damit begonnen, verschiedenste Dokumente, Verträge, Entscheidungen als Letztverantwortlicher zu beurteilen und kirchenrechtlich zu bestätigen. 
Aber wie in anderen Diözesen ist das Amt des Generalvikars auch bei uns verbunden mit der Personalverantwortung für Priester und Laien in der Pastoral und für die Mitarbeitenden im Bischöflichen Ordinariat.

Im Einklang mit dem Bischof und in Zusammenarbeit mit vielen anderen habe ich versucht, Linien zu ziehen, wie sich die Diözese weiterentwickeln kann. Immer war mir aber wichtig, dass hinter aller Organisation auch eine spirituelle Komponente sichtbar wird. In Abstimmung mit dem Bischof hatte ich für die Entwicklung der „Organisation Kirche“ in der Diözese Sorge zu tragen. Dabei hatte ich mir vorgenommen, auch in dieser Aufgabe als Priester und Seelsorger zu agieren. Im konkreten Umfeld habe ich mich daher um einen wertschätzenden Umgang mit den Mitarbeitenden bemüht.

 

Sie sind Pfarrer und Spiritual gewesen …

Ich habe vom Pfarrer-Sein viel mitgenommen. Bei Managementausbildungen wird immer betont, wie wichtig der „wertschätzende“ Umgang ist. Ich habe mir dabei immer gedacht, dass dies uns Christen schon lange bekannt ist. Nur sagen wir eben „konkrete Nächstenliebe“, die sich in vielen Kleinigkeiten verwirklichen lässt, etwa im vorurteilslosen Zuhören. Auf mein Gegenüber zuzugehen ist mir nicht immer leicht gefallen, weil ich von meinem Naturell her ein eher zurückhaltender Mensch bin.

 

Was waren die Highlights Ihrer Amtszeit? Was ist gut gelungen?

Besonders wichtig war natürlich der Abschluss des Prozesses 2010. Ich gestehe, wenn ich am Anfang gewusst hätte, wie riesengroß das Ganze wird, hätte ich mich wahrscheinlich gar nicht „drübergetraut“. Ich bin aber sehr froh, dass wir als eine der ersten Diözesen in Österreich einen systematischen Zukunftsblick gewagt haben. Es geht ja nicht nur um personelle und finanzielle Ressourcen, sondern in Wirklichkeit geht es um die großen Fragen der Pastoral: Wie kann unter veränderten Bedingungen eine Pastoral – oder, wie Johannes Paul II. immer einmahnte, eine „Neuevangelisierung“ – gelingen? Wichtig waren auch die Neuorientierungen im Bischöflichen Ordinariat. Ich glaube, dass wir etwa in den Bereichen der Wirtschaftsdirektion, in den strategischen Ausrichtungen der Ämter und Einrichtungen wirklich höchst positive Entwicklungen sehen können, die uns große Freude bereiten. Nicht zuletzt konnte durch den Kollektivvertrag das gute gemeinsame Miteinander-Arbeiten auch in eine zukunftsfähige Form gegossen werden.

 

Wenn es den Prozess 2010 nicht gegeben hätte, wie würde man das merken?

Wir hätten vermutlich eine weniger starke Ausrichtung auf das Gemeinsame hin. Im Miteinander von Priestern, Diakonen und Laien, Haupt- und Ehrenamtlichen sind wir nicht am Ziel, aber wir sind hier schon sehr weit.

 

Noch nicht am Ziel … Gibt es Dinge, die eher „liegen geblieben“ sind?

Manche in unserer Diözese werden beklagen, dass wir uns bei den so genannten „Heißen Eisen“ zu wenig eingesetzt hätten. Zumindest für mich kann ich sagen, dass ich die mit den „Heißen Eisen“ verbundenen Fragen ernst nehme. Jedoch finde ich, dass für uns Christen die wichtigste Herausforderung die Frage nach einem lebendigen Gottesglauben in unserer Gesellschaft ist. Verwaltungsfragen bis hin zur Frage des Zölibats sind meines Erachtens zweitrangige Fragen. Aber ich weiß, diese Position wird nicht von allen geteilt.

 

Was würden Sie sich vornehmen, wenn Sie – mit der nun 14-jährigen Erfahrung – jetzt erst Generalvikar werden würden?

Absolutes Hauptanliegen wäre das Miteinander von Klerikern und Laien. Wenn etwa die Leitung einer Pfarre kirchenrechtlich einem Priester zugewiesen ist, so soll er seinen Leitungsdienst doch in enger Zusammenarbeit mit anderen engagierten Personen aus der Pfarre wahrnehmen. Es ist klar, dass sich sowohl die Diözese als auch die Weltkirche immer wieder verändern muss. Aber die Einheit mit dem Bischof und die Einheit mit Rom bewahrt uns davor, dass alles auseinanderdriftet. Nur in dieser Einheit können wir erkennen, ob wir nicht die eigenen Lieblingsideen mit dem Wirken des Heiligen Geistes verwechseln.

 

Gibt es etwas, was Sie sehr belastet hat?

Natürlich. Ich war immer sehr betroffen, wenn ein Priester das Amt verlassen hat. Das war für mich ein wenig so, wie wenn jemand die Familie verlässt. So ein Einschnitt ist sicher auch für den Priester selber schmerzlich, aber eben auch für mich und für die Mitbrüder. Schmerzlich und sehr schwierig waren für mich auch die im vorigen Jahr bekannt gewordenen Missbrauchsfälle. Die Gespräche mit den Opfern, aber auch Gespräche mit schuldig gewordenen Klerikern sind mir sehr ans Herz gegangen.

 

Sie sind Personalchef für die ganze Diözese. Wie zufrieden sind Sie mit den Mitarbeitern unserer Diözese?

Es gibt viele hoch motivierte Mitarbeitende, das kann ich mit großem Dank sagen. Natürlich gibt es bei so vielen Mitarbeitenden aber sowohl unter den Klerikern als auch unter den Laien Menschen, mit denen es einfach schwieriger ist. Es war nicht immer leicht, Grenzen zu ziehen. Wenn ich aus meiner Verantwortung als Generalvikar einen klaren arbeitsrechtlichen Schritt tun oder veranlassen musste, war das nicht immer einfach. Als Generalvikar hat man sehr viel mit Konflikten zu tun oder mit Geschehnissen, wo ein Ungenügen von Menschen da ist. Daher musste ich aufpassen, dass ich über diese Einzelfälle nicht zu falschen Verallgemeinerungen komme. Ich wollte nicht die vielen Mitarbeitenden aus dem Auge verlieren, die sich mit großem Herzen und mit großer Liebe für ihren Dienst einsetzen.

 

Sie waren Generalvikar unter zwei Bischöfen. Bischof Weber hat Sie bestellt, Bischof Kapellari hat Sie als Generalvikar bestätigt. Was ist das Besondere dieser Bischöfe?

Ich konnte von diesen beiden großartigen Persönlichkeiten viel lernen. Etwa einen unkomplizierten, sehr herzlichen Zugang zu „den Leuten“ von Bischof Weber und ein konzentriert-aufmerksames Wahrnehmen der Lebensumstände des anderen von Bischof Kapellari. Bischof Weber hat mich immer mit großem Wohlwollen begleitet, dafür bin ich sehr dankbar. Bischof Kapellari kümmert sich zur Zeit wie kaum ein anderer Bischof um gesellschaftspolitische Fragen in Österreich und um die Stimme des Christentums im gesellschaftlichen Zusammenleben. Das halte ich für sehr wichtig, und das beeindruckt mich sehr.

Wo tanken Sie als Generalvikar, der manchmal auch schwierige Aufgaben hat, eigentlich auf?

Ich tanke in meiner Priestergemeinschaft auf, bei meinen Mitbrüdern. Wir versuchen, ein gemeinsames spirituelles Leben zu haben, beten gemeinsam und versuchen, in der Gegenwart Christi des Auferstandenen zu leben. Dann tanke ich auf in der Natur. Die Makrofotografie macht mich aufmerksamer und zeigt mir oft Kleinigkeiten, die andere übersehen. Auftanken kann ich auch in jeder guten Gemeinschaft, überall dort, wo wir in gläubiger Zuversicht Kirche leben und gestalten können.

 

Ein Ausblick in die Zukunft: Was machen Sie in den nächsten Monaten und darüber hinaus?

„Darüber hinaus“ wird noch überlegt. Bischof Kapellari hat mir in Aussicht gestellt, dass ich als Bischofsvikar neue Aufgaben zugewiesen bekomme. Ich bin sehr offen, auch für den Dienst in einer Pfarre. Jetzt bin ich sehr dankbar, dass mir der Bischof von September bis zum Beginn der Fastenzeit eine Auszeit zur Erholung gegeben hat. Ich möchte Kräfte sammeln für Zukünftiges.

 

Herr Generalvikar, danke für das Gespräch und herzlichen Dank auch dafür, dass Sie als Herausgeber das SONNTAGSBLATT immer so bestärkend und wohlwollend begleitet haben.

Herbert Meßner, Heinz Finster